Fünf Fragen an …: Anna Schwitzer, Leiterin des Kinderschutzzentrums Wien

Warum sind emotionale Kompetenzen wichtig? Wie gestaltet sich deren Entwicklung bei Kindern?
Emotionale Kompetenz ist die Grundlage für ein erfülltes Leben. Wenn sich ein Mensch emotional gut entwickeln kann, wird er sein Leben als Erwachsener den eigenen Vorstellungen entsprechend bestmöglich gestalten können, wird einen Beruf ausüben, seine Freizeit gut verbringen und Freundschaften pflegen können. Wenn es da Defizite gibt, ist das etwas sehr Einschränkendes für uns. Wir leiden unter belastenden emotionalen Zuständen, wenn sie ein gewisses Maß überschreiten.
Die emotionale Entwicklung verläuft dabei phasenhaft. Jedes Kind durchlebt immer wieder Phasen emotionaler Instabilität, die es, wenn es in diesen gut begleitet wird und diese gut durchleben kann, innerlich weiterbringen und im Endeffekt innerlich wachsen lassen. Da denke ich an Trotzphasen, aber auch an die Pubertät, wo es ja im Großen und Ganzen auch stets um eine persönliche Weiterentwicklung geht. Nach diesen kritischen Phasen kann das Kind wieder etwas mehr, fühlt sich selbstsicherer, hat etwas gelernt.
In diesen sensiblen Phasen ist eine behutsame Begleitung durch Erwachsene wichtig und gleichzeitig enorm herausfordernd. Das Kind ist in dieser Zeit vielleicht besonders provokant, fordert mich mit seinem Verhalten heraus, bringt mich an meine Grenzen. Es kann passieren, dass meine Grenzen als erwachsene Bezugsperson dabei überschritten werden und ich es nicht mehr gut schaffe, feinfühlig und stützend zu sein – sondern dass z.B. große Wut in mir entsteht und ich diese nicht mehr regulieren kann; oder dass ich nah dran bin, dem Kind gegenüber grob zu werden, sei es verbal oder auch körperlich.
In dem Fall ist es sehr wichtig, sich Hilfe und Unterstützung zu holen. Das kann ein Familienmitglied sein, das mir beisteht und mir auch mal Freiraum schafft, indem es die Kinderbetreuung übernimmt. Jeder und jede kann sich aber auch an eine professionelle Beratungsstelle wenden, wie z.B. ans Kinderschutzzentrum. Dort können erwachsene Bezugspersonen in Ruhe über ihre Belastungen und Herausforderungen sprechen. Es können alternative Reaktionsmöglichkeiten erwogen und Lösungen dafür gefunden werden, wie sich die Bezugspersonen selbst besser regulieren können, aber auch wie sie ihr Kind bei dessen Regulation unterstützen können.
Wie können Eltern und Pädagog*innen eine gesunde emotionale Entwicklung bei Kindern unterstützen und anregen?
Wie gesagt, eine zugewandte, liebevolle Begleitung ist für Kinder sehr wichtig. Es muss bei den Kindern ankommen, dass sie wahr- und ernstgenommen werden und dass sie von den Erwachsenen als vollwertige Menschen mit individuellen Bedürfnissen gesehen werden. Damit meine ich auch eine Auseinandersetzung mit den Kindern auf Augenhöhe.
Hilfreich ist es, die eigenen Gefühle und die der Kinder anzuerkennen, sowie Kinder in ihrem emotionalen Vokabular zu unterstützen. Negative Gefühle bei Kindern gehören dazu und sollten von uns Erwachsenen ausgehalten werden: „Du ärgerst dich jetzt, weil du den Schlecker unbedingt wolltest. Das verstehe ich. Das ist auch ärgerlich. Trotzdem bekommst du jetzt keinen Schlecker.“ Es ist hingegen nicht ratsam, Kindern sofort das Handy in die Hand zu drücken, damit sie nicht weiterschreien.
Das Thema Handy ist aktuell ein sehr wichtiges. Es gibt eine neue Broschüre von Saferinternet.at, „Bildschirmfrei von Null bis Drei“, in der sehr klar betont wird, dass kleinen Kindern digitale Medien definitiv schaden. Kleinkinder haben ganz andere Bedürfnisse und brauchen etwas anderes, nämlich Nähe, Zugewandtheit (Blickkontakt!) und ungeteilte Aufmerksamkeit. Es geht dabei nicht nur darum, Kindern kein Handy zur Verfügung zu stellen, sondern auch selbstreflektiert darauf zu achten, in Anwesenheit von Kindern – auch von älteren – selbst das Handy beiseite zu lassen. Wir Erwachsene sind schnell bei Annahmen wie „die Jugendlichen verbringen viel zu viel Zeit vor dem Bildschirm“, bemerken dabei aber nicht, wie hoch unser eigener Konsum ist. Und wie vorher schon gesagt, ist es in der Begleitung der Kinder in ihrer emotionalen Entwicklung enorm wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und Strategien zu haben, wenn diese überschritten werden.
Sozialer Support ist dabei immer hilfreich. Wenn das Kinder in einer Betreuungseinrichtung sind, ist es auch gut, dass Eltern und Pädagog*innen miteinander im Austausch bleiben, da es ja sein kann, dass es in schwierigeren Phasen ähnliche Beobachtungen gibt oder auch ganz andere. Und wer sich Sorgen macht, kann sich jederzeit Unterstützung holen, zum Beispiel von uns im Kinderschutzzentrum.
Psychotherapie für Erwachsene scheint gesellschaftlich zunehmend akzeptiert. Wann empfehlen Sie eine psychotherapeutische Begleitung bei Kindern?
Wenn, wie auch bei Erwachsenen, die Belastungen zunehmend das Alltagsleben der Kinder und der Familien beeinträchtigen. Wenn es einen Leidensdruck gibt. Oder wenn sich Konflikte, Schwierigkeiten, negative Gefühlslagen häufen.
Im Unterschied zu den Erwachsenen ist es bei Kindern umso wichtiger, diese nicht als Einzelindividuen zu sehen, die ihre Probleme in einer Therapie selbst lösen können. Kinder sind in eine Familie, ein Umfeld, ein System eingebunden und je jünger desto abhängiger sind sie von diesem System. Der klassische „Reparaturauftrag“ („Hier ist das Kind, reparieren Sie es“) kann nicht funktionieren. Es braucht das Bezugssystem mit im Behandlungsplan, damit sich etwas ändern kann. Wir im Kinderschutzzentrum bieten auch Psychotherapie für Kinder und Jugendliche an und schauen dabei darauf, dass diese möglichst in Kombination mit einer Elternberatung stattfindet. Das Kind lebt ja mit/bei den Bezugspersonen und so ist es wichtig, diese dabei zu unterstützen, wie sie ihr Kind bestmöglich begleiten können. Aus systemischer Sicht ist es also wichtig, immer das Bezugssystem zumindest einzubinden, im besten Fall mit zu behandeln.
Das Kinderschutzzentrum richtet sich speziell an Kinder und Jugendliche, die Gewalt erfahren (haben). Wo beginnt Gewalt?
Es gibt verschiedene Formen von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Eine für uns Erwachsene neue, aber für Kinder und Jugendliche vertraute Form von Gewalt ist die digitale Gewalt. Da geht es zum einen um gefährdende Inhalte im Netz wie Gewaltverherrlichung oder Pornografie, zum anderen um das sogenannte Cybergrooming. Hierbei versuchen Erwachsene oder ältere Jugendliche online gezielt das Vertrauen von Kindern oder Jugendlichen zu gewinnen, um sie später sexuell auszunutzen oder zu manipulieren. Hier bedarf es besonderer Wachsamkeit, da die Kinder und Jugendlichen diese Gefahr ja ständig in der Hosentasche mit sich herumtragen und im Fall von digitaler Gewalt Unterstützung durch Erwachsene brauchen.
Psychische Gewalt herrscht vor, ein Kind durch Worte oder Taten erniedrigt, gedemütigt, beschimpft oder niedergemacht wird. Das wirkt sich vor allem sehr negativ auf seine emotionale Entwicklung und auf seinen Selbstwert aus.
Körperliche Gewalt heißt, dass eine Person ein Kind mutwillig physisch verletzt – durch Treten, Würgen, Schlagen, etc.. Diese kann bewusst ausgeübt werden, aber in den meisten Fällen „passiert“ sie impulsiv aus einem Ärger oder einer Überforderung heraus.
Sexualisierte Gewalt ist, wenn eine deutlich ältere/überlegene Person die Macht- oder Autoritätsposition gegenüber einem Kind ausnützt und die sexuellen Grenzen dieses Kindes überschreitet – das reicht von Belästigung, über Masturbation bis hin zu Vergewaltigung.
Vernachlässigung bedeutet, dass den vielfältigen Bedürfnissen des Kindes nicht entsprochen wird und fürsorgliches Handeln situativ oder dauernd unterlassen wird. Das kann deshalb sein, weil die Bezugspersonen das aufgrund ihrer eigenen Geschichte nicht können oder so belastet sind, dass sie keine Kapazitäten für ihr Kind haben. Vernachlässigung wird oft übersehen, ist aber sehr schädigend das Kind, gerade was seine emotionale Entwicklung angeht.
Eine spezielle Form von Gewalt ist das Miterleben von Gewalt zwischen den Eltern, was mindestens genauso negative Auswirkungen auf das Kind hat wie das eigene Erleben von Gewalt. Eine andere spezielle Gewaltform ist die Hochstrittigkeit, also ein Kind in hocheskalierten Trennungssituationen von den Eltern als Druckmittel und Spielball benutzt wird.
Gewalt belastet die Betroffenen immer und erschwert, vor allem unbehandelt, eine gesunde emotionale Entwicklung. Insgesamt beginnt Gewalt da, wo eine Person die Grenze einer anderen überschreitet und diese in ihrer Integrität verletzt wird. Im Gegensatz zu einer Grenzüberschreitung, was wir von Gewalt unterscheiden, hat Gewalt etwas mit Macht und Dominanz zu tun. Eine Person übt durch die Gewalt Macht über eine andere aus und nimmt dabei in Kauf, dass die andere Person geschädigt wird. Oft ist Gewalt etwas Wiederholtes und Strukturelles, während eine Grenzverletzung einmalig sein und korrigiert werden kann (Grenzverletzung, Ansprechen, kommt nicht wieder vor). Bei der Person, die die Gewalt erlebt, löst sie oft Gefühle wie Angst, Unterlegenheit und Hilflosigkeit aus. Die Grenze ist dabei leider oft nicht klar. Wichtig ist es jedenfalls, genau hinzuschauen.
Es passiert leicht, dass wir Erwachsene, um das unangenehme Gefühl abzuwehren, die Situation entweder bagatellisieren („So schlimm wird es schon nicht sein“) oder dramatisieren („Ich zeige das sofort an!“). Wenn uns etwas auffällt (z.B. dass ein Kind sich in seinem Wesen sehr verändert und von einem frohen zu einem zurückgezogenen Kind wird), und wir uns um ein Kind Sorgen machen, ist es wichtig, damit nicht allein zu bleiben, sondern sich Unterstützung zu holen. Im Kinderschutzzentrum können Sie sich – sowohl als Privat- als auch Fachperson– gerne telefonisch dazu beraten lassen, wie Sie Ihre Sorge einordnen und das betroffene Kind am besten unterstützen können. Auf Wunsch auch anonym.
Haben wir in Bezug auf unsere Emotionen jemals ausgelernt?
Das haben wir wahrscheinlich nie. Es wird im Leben immer wieder Situationen geben, die uns emotional neu herausfordern. Aber wir werden sie meistern und in einer gewissen Form auch innerlich daran wachsen. Emotionen machen ja unser Leben aus und machen es lebenswert. Dass es nicht nur positive, sondern auch negative Emotionen gibt, ist ein Teil des Lebens und auch gut so.
Dr.in Anna Schwitzer ist Psychotherapeutin (Systemische Familientherapie), Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin und Leiterin des Kinderschutzzentrums Wien.
Das Kinderschutzzentrum Wien freut sich über Spenden: Unabhängiges Kinderschutzzentrum Wien, IBAN AT80 1200 0006 4825 3904.